GESCHICHTE

Hannah

Hannah Wagner, die Stimme Saeldes Sancs, singt, seit sie denken kann.

Mit elf Jahren begann sie mit dem Gesangsunterricht – zuerst im Fach Populargesang, aber schnell merkte sie, dass sie sich mehr zur Klassik hingezogen fühlte, schwenkte also schon bald um.

 

Sie sang in einigen Kirchen-, Motetten- und Oratorienchören. Solistisch war sie sehr aktiv, sang zum Beispiel George Bizets „Carmen“ und Antonin Dvoráks „Rusalka“. Nachdem Hannah ihre Liebe zur Alten Musik entdeckt hatte, konzentrierte sie sich vor allem auf Werke aus der Renaissance und dem Barock und arbeitete auch solistisch viel in diesem Bereich der Musik. Mit dem Jungen Bachchor unternahm sie spannende Chorfahrten, und ihre A-Cappella-Gruppe feierte große Erfolge im Süddeutschen Raum.

 

Nach der Schule fing sie dann ein Studium der Mediävistik – des Mittelhochdeutschen – an, was ihre Begeisterung für die alten Formen der Sprachen weckte. Doch eigentlich kam für sie nach mehrjähriger solistischer und chorischer Gesangstätigkeit nur ein Musikstudium in Frage! Das begann Hannah dann voller Begeisterung. Ihre Studien führten sie in der Zwischenzeit sowohl nach Finnland, Schottland und die USA, wo sie ihre musikalischen Kenntnisse um ein Vielfaches erweitern konnte.

 

Schon früh komponierte Hannah ihre ersten Stücke, die immer einen sehr eigenen melancholischen Ton hatten. Nachdem sie ihre Begeisterung für Alte Musik und Folkmusic entdeckt hatte – was bot sich da besser an, als diese Elemente und das Mittelhochdeutsch-Mittelalterliche miteinander zu Musik zu verbinden!

 

2010 lernte Hannah Ernst Horn kennen, der Vielen durch seine Ensembles Deine Lakaien und Helium Vola bekannt ist. Heute ist Hannah selbst Mitglied des Mittelalter-Avantgarde-Ensembles Helium Vola und ist sowohl solistisch als auch im Ensemble auf dem neuesten Doppelalbum „Wohin?“ zu hören.

 

2011 gründete Hannah zusammen mit dem Cellisten Georg Postulka Saeldes Sanc, ein Duo für Alte und gleichzeitig Neue Musik, in dem sie ihre ganze Kompositionslust auslebt. Heute führt sie Saeldes Sanc gemeinsam mit Iustin Ciuche, Jens Vogel und wechselnden Gastmusikern weiter.

 

WIE ES DAZU KAM - EIN MÄRCHEN

 

Es war einmal ein junges Mädchen, das den Kuss der Muse erhalten hatte und von da an nicht mehr zu bremsen war in seinem kreativen Schaffen. Das junge Mädchen war von seiner Mutter „Hannah“ genannt worden.

Wie sich die Geschichte um Hannah zugetragen hatte, erfahrt ihr nun.

 

Hannah war die älteste Tochter ihrer Familie. Als Kind tat Hannah all die Dinge, die Kinder tun – spielen, lachen, sich freuen und größer werden. Als sie schließlich groß genug war, um ihr Elternhaus zu verlassen, machte sie sich mit einem Beutel auf dem Rücken auf den Weg, die Welt zu erkunden und Neues zu lernen. Pfeifend und mit tänzelnden Schritten ging sie voran, da begegnete ihr auf der staubigen Dorfstraße ein altes, hutzliges Weiblein.

Hannah lächelte und grüßte freundlich, ging an der alten Frau vorbei und tanzte frohen Mutes weiter, da  knurrte die Alte: „Stehenbleiben, junges Ding!“ Hannah drehte sich erschrocken um. Hatte sie der alten Frau aus Versehen Unrecht getan, war ihr vielleicht auf einen krummen Fuß getreten? Die Alte, zufrieden, dass Hannah stehengeblieben war, fletschte ihre braunen, schiefstehenden Zähne, und ein paar Sekunden später bemerkte Hannah, dass dies wohl ein Lächeln sein sollte.

„Wohin denn so eilig, junge Maid?“ fragte die Alte, die inzwischen sehr nah an Hannah herangekommen war, und streichelte die Wange des Mädchens mit einem knorrigen Finger. Ein Duft von Weihrauch und Kräutern stieg in Hannahs Nase.

„Ich habe mein Zuhause verlassen, oh Ehrwürdige, um die Welt zu erkunden und etwas Neues zu lernen!“ meinte Hannah etwas verlegen, da die Alte ihr immer noch über die Wange strich.

„Etwas Neues willst du lernen? Dann folge mir!“ die Alte grinste schelmisch. Hannah wusste nicht, wie sie der Alten entkommen sollte, denn diese hatte sie fest am Handgelenk gepackt und zog sie mit erstaunlich unerbittlicher Kraft hinter sich her. „Aber...,“ meinte Hannah, „aber ich muss doch noch ein wenig weiter laufen! Ich bin doch vor ein paar Stunden erst aufgebrochen, wenn ich jetzt hierbleibe, bin ich ja nicht weit in der Welt herumgekommen!“ Die Alte starrte sie an. „Du willst mehr von der Welt sehen?!“ kreischte sie plötzlich. „Mehr Laufen?! Na bitte, dann tu das!“ Plötzlich verschwamm die Welt um Hannah herum, drehte sich, stolperte kurz, um schließlich als ein wunderschöner Garten klar und deutlich vor Hannah zu erscheinen.

Sie stand mitten auf einer Kreuzung, die sie noch nie gesehen hatte. Überall wuchsen herrliche Blumen, ihr süßer Duft schwängerte die Luft. Direkt vor ihr stand ein großer Wegweiser mit vielen hölzernen Tafeln, die in alle Himmelsrichtungen zeigten. Hannah stellte sich auf die Zehenspitzen, um die Beschriftungen besser lesen zu können. Die Tafel „Gesang“ zeigte nach Süden, „Klavier“ nach Osten, „Mittelhochdeutsch“ nach Norden und „Komposition“ schließlich nach Westen. Zwischen diesen vier größten Pfeiltafeln zeigten noch kleinere in andere, etwas schräge Richtungen, „Freude“ zum Beispiel, und „Glückseligkeit“. Hannah war verwirrt, sie konnte mit keinem der Worte auf den Tafeln etwas anfangen und wollte so schnell wie möglich zurück auf die staubige Dorfstraße, um ihren Weg endlich fortzusetzen. „Oh Alte! Wo hast du mich nur hingebracht! Was soll ich denn hier? Hol mich zurück, ich bitte dich!“ Hannah raufte sich verzweifelt die lockigen Haare. „Hihihi,“ hörte sie auf einmal die Alte neben sich kichern. Hannah machte erschrocken einen Satz zurück. Zornig sah sie dann die Alte an. „Was soll ich bloß hier! Ich wollte weiterlaufen und die Welt erkunden! Der Garten ist schön, aber ich will hier nicht sein! Ich will zurück dorthin, wo ich vorhin war!“ Die Alte grinste immer noch.

„Geht nicht!“ sagte sie, kicherte kurz, dann sprang sie plötzlich auf Hannah zu, und ehe Hannah sich versah, hatte ihr die Alte einen Kuss auf die Wange gegeben. Entsetzt schüttelte Hannah den Kopf und blickte sich um, um das nächste Mal besser aufpassen zu können, was die Alte vorhatte, doch die war nirgends mehr zu sehen. Nur ihr Kichern war noch zu hören, aber plötzlich kam ein leiser Wind auf und wischte auch dieses weg.

 

Da stand Hannah nun allein vor dem Wegweiser mit den unbekannten Orten und seufzte. Und machte sich dann auf in Richtung „Gesang“.

 

Hannah lernte in den nächsten Jahren fast alle Orte kennen, zu denen der Wegweiser zeigte. Nur einer fehlte noch... Seltsam, schon wenige Tage nach diesem Kuss der Alten wünschte sich Hannah, sie müsse nie mehr aus dieser herrlichen Welt verschwinden! Hatte der Kuss der Alten sie verzaubert? Ach, das ist ja auch egal nun! Fröhlich wiegenden Schrittes ging Hannah durch den prächtigen Blumengarten und folgte dem Schild zu dem einzigen noch unbekannten Ort: „Glückseligkeit“.

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SAELDES SANC

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